Von unserem Antlitz (und unserem Körper)

Denn aus den runden unterirdischen Kammern schwärmte plötzlich eine gespenstische Schar von Ungeheuern hervor. Grässlich maskiert oder so stark bemalt, dass alle Ähnlichkeit mit menschlichen Wesen verschwunden war, stampften sie in sonderbar hinkendem Tanz rund um den Platz. (1)

Vue de l'exposition Le meilleur des mondes
À gauche Gilbert & George : Twenty-Eight Streets, 2003
Collection Mudam Luxembourg, © Photo : Andrés Lejona

Museen alter und moderner Kunst sind voll von Darstellungen vom Menschen, die, wenn man sie sich im wirklichen Leben vorstellen würde, Schrecken hervorriefen. Was würden wir fühlen im Angesicht der Riesen der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo, oder angesichts einer Person aus der kubistischen Malerei Picassos? Die Schönheit eines Werkes ist also nicht notwendigerweise an die Wirklichkeit gebunden – und die Sammlung des Mudam versammelt viele menschliche Darstellungen mit dem Charme von Ungeheuern (Katharina SieverdingCindy Sherman).

Aber selbst ohne Deformationen versetzen die Gesichter und Körper, die sich in der zeitgenössischen Kunst tummeln, uns in merkwürdige Welten und verwandeln wirklichkeitsgetreue Darstellungen in ungreifbare Ikonen: die Monumentalität und fotografische Präzision der Porträts von Franz Gertsch lassen das Gesicht des Mädchens ebenso abstrakt erscheinen wie eine antike Göttin; die intime Vertrautheit, mit der Nan Goldin Details aus dem Leben ihrer Freunde dokumentiert, verwandelt diese so unbedeutenden Augenblicke zu Archetypen des städtischen Lebens; die Intensität der Performances von Marina Abramović, in denen sie sich mit den vom künstlerischen Kanon verursachten Erwartungen auseinander setzt, verleiht ihr augenblicksweise die Aura einer Märtyrerin.

Sicher, auch Humor und (Selbst-)Ironie fehlen meist nicht und sind mitunter geradezu greifbar (Gilbert & George), manchmal beunruhigend (Alain Declercq), und manchmal versteckt in Filmzitaten zu finden (Edgar Honetschläger). Oder es geht einfach nur ums Beobachten und darum, von scheinbar selbstverständlichen Dingen zu berichten, die aber, wenn man es sich genauer überlegt, doch von enormer Komplexität sind: zum Beispiel so manche Kulturpraktiken des Westens (Thomas Struth) oder das unaufhaltsame Sichentfalten der Jugend (Katrin Freisager).

Und selbst wenn eine Inszenierung nur als Zeugnis verstanden werden soll – sie ist kunstvoll, sei dies durch die Gestaltung des äußeren Rahmens oder durch das Spiel der Schauspieler: das Gesicht wird dabei oft zum Spiegel tieferer Wahrheiten oder menschlicher Lügen (Gerard Byrne).

(1) Aldous Huxley, Brave New World, 1932