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LA COLLECTION MUDAM EST ENGAGÉE DANS LE DEVENIR DU MONDE

05/02/2010

Anlässlich seiner ersten Ausstellung im Mudam in seiner Eigenschaft als Direktor antwortet Enrico Lunghi auf die Fragen von Marco Godinho, Künstler und Kurator der französischen Auswahl für die letzte Verleihung des Kunstpreises Robert Schuman.

Ist es wichtig, das Jahr 2010 und deine erste Ausstellung im Mudam zu beginnen, die ganz und gar auf der Sammlung beruht?

Wenn man als neuer Direktor „startet“, ist es der „klassische Weg“, erst einmal über die und mit der Sammlung zu arbeiten. Aber ich denke auch, dass es angesichts der Geschichte des Mudam unbedingt notwendig war, diesen Weg einzuschlagen. Diejenigen, die dieses Museum, vom ersten Entwurf I. M. Peis bis zu seiner Eröffnung hin, in Frage gestellt haben, werfen ihm immer wieder vor, „weder ein Konzept noch etwas zum Ausstellen zu haben“. Dabei stand das Konzept für alle, die sich im Vorfeld Gedanken zu der Problematik gemacht hatten, eindeutig fest: Es galt, für Luxemburg ein Kunstmuseum von internationalem Renommee zu „erfinden“, wohl wissend, dass es so etwas in unserem Land nie zuvor gegeben hatte. Folglich war für jeden kundigen Fachmann und Kunstliebhaber nur eine einzige Entscheidung möglich: der Aufbau einer Sammlung zeitgenössischer Kunst, denn für etwas Vergleichbares in moderner Kunst hätte man 50 Jahre früher beginnen müssen!

Daher tätigte dann ab 1996 eine Kommission unter der Leitung von Bernard Ceysson die ersten Ankäufe, um dann, im Jahr 2000, durch ein von Marie-Claude Beaud einberufenes wissenschaftliches Gremium abgelöst zu werden. Marie-Claude Beaud hatte damit die schwierige Aufgabe, die Schlussphase der endlosen Baustelle zu beaufsichtigen, die Eröffnung vorzubereiten (mit der Ausstellung Eldorado, die zum größten Teil mit Werken der Sammlung bestückt war und im Rahmen des Konzepts „Be the Artists’ Guest“ von den Künstlern gestaltet wurde) sowie das Mudam in nur wenigen Jahren zu lancieren. Das alles hat sie meisterhaft bewältigt! Und in meiner Eigenschaft als Direktor, und als jemand mit genügend Abstand zur Sammlung, bin glücklich darüber, genau im richtigen Moment hier angekommen zu sein, um eine erste große Ausstellung zu realisieren, die ausschließlich Werke der Sammlung zeigt.

Ist das Ganze in gewisser Weise eine Art Hommage an die Arbeit deiner Vorgänger? Und kann man anhand deiner Auswahl bereits eine Politik zukünftiger Ankäufe und kommender Ausstellungen wahrnehmen?

Ja, es ist eine Hommage an all diejenigen, die bis jetzt das Mudam „gemacht“ haben! Für mich ist ein Museum ein Palimpsest, die Blicke darauf überlagern sich, sie ersetzen sich nicht. Es ist ein permanentes Abenteuer, ein ständiges Werden, das aus dem entsteht, was vorher war. Ein aufmerksamer Beobachter der Ausstellung Le meilleur des mondes könnte die beiden Hauptphasen der Ankäufe unter dem Einfluss meiner Vorgänger entdecken und vielleicht schon einige Neuorientierungen erkennen. Mir erscheint es einfach auch logisch, aussagekräftige Gruppen von Künstlern, die wir für die wichtigsten der Sammlung halten, zusammenzustellen. Daher wirken auch die letzten Einkäufe verstärkend auf bestimmte Werke des Bestands und öffnen gleichzeitig auch neue Wege. Das alles braucht aber etwas mehr Zeit, um deutlich erkennbar zu werden.

Kannst du uns etwas zum Titel dieser Ausstellung sagen? Lautet das Gegenteil davon „Le pire des mondes“ oder ergänzen sich die beiden vielmehr? Inwiefern ist „Le meilleur des mondes“ ironisch gemeint?

Natürlich ist der Titel eine Anspielung auf die französische Übersetzung des berühmten Romans von Aldous Huxley, die sich wiederum auf Voltaires Candide bezieht, was wiederum eine Antwort auf Leibnitz war ... Aber mir lag sehr viel daran, sowohl den Originaltitel als auch die deutsche und englische Übersetzung – „Schöne Neue Welt“ und „Brave New World“– in das Konzept zu integrieren, denn es ist interessant zu sehen, wie der Sinn der Aussage sich in jeder dieser Sprachen stark verändert. Es handelt sich also gleichzeitig um eine historische (oder philosophische) und eine kulturelle (oder linguistische) Verschachtelung. In unserem Land, in dem die drei Sprachen – unter vielen anderen – im Alltag zusammenleben, kann einen das zum Nachdenken anregen. Aber ich habe den Titel auch mit Humor ausgewählt: Die Aussage, ein Besuch des Mudam sei wie der Eintritt in eine „schöne neue Welt“, wo doch viele Leute zeitgenössische Kunst eher geringschätzen, ist eine Art, das Ganze auf den Kopf zu stellen.

Du hast die Ausstellung wie ein Schriftsteller ausgearbeitet, mit einem Prolog, einem Epilog und vier sehr unterschiedlichen Episoden, ohne sie jedoch streng zu unterteilen, damit Interaktionen zwischen jeder Einheit möglich sind. Kannst du uns ein paar Zugangscodes für diese in verschiedene Richtungen offene, fragmentierte Gedankenwelt verraten, die eine enorme kulturelle Vermischung entstehen lässt? Und zu deinem unausweichlichen Verhältnis zur Literatur?

Ganz offensichtlich hatte ich niemals vor, mit dieser Ausstellung das Buch von Huxley zu illustrieren. Aber beim Eintauchen in die Mudam-Sammlung, zu einer Zeit, als ich nichts weiter war als ein Kandidat für den Direktionsposten, da wurde mir sehr schnell klar, dass sie sehr viel aussagt über die Welt, in der wir leben. Es ist weder eine formalistische Sammlung noch eine zwanghafte: Sie ist, in dem Maße, wie eine Kunstsammlung das eben sein kann, offen, vielseitig, reichhaltig und engagiert in der Entwicklung der Welt. Dieser Aspekt ist es, der mir, seit Herbst 2008, die Idee für den Titel gab. Außerdem hatte ich Lust, einen einfachen Weg zu finden, die einzelnen Werke in Bezug zu einander zu setzen, ohne sie jedoch mit einem erstickenden theoretischen Diskurs zu belasten. Also habe ich an eine Art Erzählung über wesentliche Themen gedacht, wie den Körper, den Territorien, den Träumen oder den Alpträumen, aber ohne feste Unterteilungen, denn in der wirklichen Welt sind die Grenzen auch nie undurchlässig.

Welche Bedeutung misst du, als Kommissar und Direktor des Museums, der Forschung, der Entwicklung, dem Dialog und den Diskussionen mit den Künstlern und ihrer jeweiligen Welt bei? In welchem Maß beeinflusst dich das in deiner Auswahl und der Vorbereitung einer Ausstellung?

Dies ist die erste Ausstellung, die ich aus einer bestehenden Sammlung gestalte. Normalerweise stehe ich im Dialog mit den Künstlern und entwickle die Ausstellung mit ihnen zusammen. Hier habe ich mich nur auf die Werke konzentriert, und das ist eine ganz andere Art zu arbeiten. Als Direktor fühle ich mich verantwortlich für die Sammlung des Museums. Ich möchte die Werke unbedingt auf eine Art und Weise zeigen, dass sie sich gegenseitig befruchten und dem Besucher Sinn, Freude und Gefühle vermitteln. Deshalb haben die Künstler nicht viel damit zu tun, sie sind zur Vernissage eingeladen und entdecken dann die Ausstellung wie jeder andere auch. Ich finde das normal: Künstler sollten nur an diejenigen verkaufen, denen sie vertrauen, und wenn sie nur verkauft haben, um Geld zu machen, dann sollten sie sich über ihr Werk auch keine Gedanken mehr machen. Aber es wird nicht nur Ausstellungen mit der Sammlung geben. Die nächste wird wieder in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern gestaltet.

Man sieht in dieser Ausstellung, dass du zahlreiche Themen zusammenlegst, die bereits im Casino entwickelt wurden. Kann eine einzige Ausstellung all die anderen umfassen?

Nein, sicherlich nicht! Jede Ausstellung ist immer nur eine Probe, ein Entwurf, ein Versuch, die Dinge besser zu verstehen, einen Teil der Welt und des menschlichen Denkens zu begreifen. Deshalb entschwindet man im Geiste bereits in dem Moment, in dem die Ausstellung eröffnet wird, zur nächsten.

Der Epilog der Ausstellung endet mit den Worten „Die Freude, von dieser Welt zu sein, ist unerschütterlich“. Einfach zu leben, ist das nicht schon das schönste Kunstwerk an sich?

Wir wären nicht hier, um uns diese Frage zu stellen, wenn wir nicht am Leben wären.

Zum Abschluss hätte ich gerne deine Meinung zu diesem Zitat von Jorge Louis Borges: „Die Vorstellung von Grenzen und Nationen erscheint mir absurd. Das Einzige, was uns retten kann, ist, Weltbürger zu sein.“ Borges’ Worte versetzen uns in eine universelle weltoffene Haltung. Was bedeutet diese Auffassung von Grenze und Nation, insbesondere in einem Land wie Luxemburg? Was wäre eine zufriedenstellende Haltung im Alltag, um körperlich und geistig in einer so komplexen Welt wie der unseren zu Hause zu sein?

Grenzen und Nationen sind komplexe historische Konstrukte. Wir können uns selbst nicht mehr ohne sie denken, aber das bedeutet nicht, dass sie die beste Lösung für die Zukunft sind. Die Kolonialmächte des 19. Jahrhunderts, die so von ihrer technischen und kulturellen Überlegenheit überzeugt waren, haben blind und grausam alle Völker und Territorien, die ihnen ausgeliefert waren, unterworfen und ausgebeutet. Heute sollten wir uns bewusst sein, dass wir alle auf demselben Planeten leben und dass die Ressourcen begrenzt sind. Trotzdem benehmen wir uns immer noch wie Raubtiere, als ob das ewig so weitergehen könnte. Wir sind ein Geschenk der Natur, und wir hören nicht auf, bis in die letzten Winkel das zu vergiften, was uns das Leben geschenkt hat. Ich bin überzeugt, dass wir, wenn wir uns in unserem Denken mit allen Völkern der Welt solidarisch fühlen und wir das Leben in all seinen Formen respektieren, wahre Menschlichkeit beweisen würden. Aber es besteht wenig Aussicht darauf, dass diese schöne neue Welt woanders als in unseren Träumen existieren wird.

 

 


 

 

Enrico Lunghi
© Foto: Andres Lejona
Marco Godinho
 

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