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„Die Materialien, die ich verwende, sind vom Menschen gemacht, oder zumindest vom Menschen verändert und gehören als solche zu einer riesigen Kategorie von Materialien/Dingen, die ein fester Bestandteil des körperlichen, geistigen und gefühlsmäßigen menschlichen Lebens sind. Dennoch muss man die körperliche Beziehung betonen, die einher geht mit dem bereits erwähnten Begriff des Fortschritts, einem Fortschritt, der nahezu ausschließlich materialistischer Natur ist. Und wir haben eine derart schlechte körperliche Beziehung zu den Dingen und Materialien, die wir herstellen, dass es beinahe beschämend wirkt, das Metaphysische, das Poetische und das Mythologische in Betracht zu ziehen.“ (Tony Cragg)

Dining Motions

Tony Cragg
Dining Motions, 1982
Holz, Metall, Karton, Kunststoff
323 x 749 cm
Sammlung Mudam Luxembourg
Apport FOCUNA
Ankauf 1997
© Foto: Andrés Lejona

Tony Cragg, einer der produktivsten britischen Bildhauer, hat im Laufe seiner Karriere ein vielfältiges skulpturales Werk mit zahlreichen unterschiedlichen Ansätzen realisiert. Nach seinen Studien und seinem Umzug nach Wuppertal entstanden zunächst von ihm so genannte „Zeichnungen” aus farbigen Fragmenten von gefundenem Plastikmüll, bei dem er Silhouetten von Figuren oder Dingen zusammenstellte. Dining Motions (1982) entstand im Anschluss an diese Werkgruppe. Auch hier fügt Cragg flache Abfallstücke auf scheinbar zufällige Art und Weise zusammen. So erscheinen aus dem Durcheinander Silhouetten, die man mit Mühe identifizieren kann: Gabel, Wurst, Messerklinge..., wie es bereits im Titel anklingt. Mit dieser Arbeit, in der sich die Assemblage von Objets trouvés mit der Malerei kreuzt, um ein Wandrelief zu ergeben, bewegt sich Cragg in einer gewissen Tradition des Neodadaismus. Gleichzeitig jedoch findet man die für sein gesamtes Werk typische Suche nach einem „Pfad zwischen dem Surrealen und dem Metaphysischen” (G. Celant), also nach einer Verbindung zwischen scheinbar zufälliger Form und der Belebung unbelebter Materie durch die Intervention des Künstlers. Die Zusammenstellung des Ganzen verweist so über die Summe seiner Einzelteile hinaus.

Forminifera

Ansicht der Ausstellung Le meilleur des mondes, Mudam Luxembourg, 31/01/2010 – 23/05/2010

Tony Cragg
Forminifera, 1994
Gips und Stahl
13 Elemente
225 x 480 x 400 cm
Sammlung Mudam Luxembourg
Apport FOCUNA
Ankauf 1996
© Foto: Rémi Villaggi

Tony Craggs Arbeit Forminifera aus dem Jahr 1994 besteht aus zwölf unterschiedlichen Gipsformen, die teilweise ohne Sockel auf dem Boden stehen, teilweise auf einfachen Eisengestellen präsentiert werden. In alle Teile sind in engem Abstand zahllose tiefe Löcher gebohrt. Die Arbeit ist Teil einer Reihe von Werken mit demselben Titel, die Cragg in den 1990er Jahren produziert hatte. In dieser Zeit entstanden auch zahlreiche andere Arbeiten aus Gips, einem leicht zu verarbeitenden aber auch empfindlichen Material, das in der Bildhauerei eher für Entwürfe oder für Vorstufen zum Bronzeguss verwendet wurde. Der Titel der Reihe nimmt Bezug auf kleinste einzellige gehäusetragende Lebewesen, die Foraminiferen (dt. Lochträger), deren kalkschalige Gehäuse unzählige Poren aufweisen. Für Cragg, der vor seinem Kunststudium in einem naturwissenschaftlichen Labor arbeitete und bereits in seiner Kindheit von den Fossilien an der englischen Südküste fasziniert war, war die strukturale Ähnlichkeit seiner Arbeiten mit den winzigen Einzellern und auch die Parallele im Material nicht zu übersehen. Doch ging es ihm offenkundig nicht um Abbildung. In einem Interview aus dem Jahre 2004 erläuterte er den Titel: „Später wurden diese Arbeiten zu einem Werk weiterentwickelt, das ich ‘Forminifera’ nannte, die Bezeichnung für ein mikroskopisch kleines fossiles Skelett. Von diesen Formen existieren Milliarden von unterschiedlichen Varianten. Keine zwei gleichen einander, was mich von Anfang an in Staunen versetzte. Unter diesen Foraminiferen finden sich meines Wissens die allerersten Organismen mit mineralisiertem Gewebe, wobei Kalziumkarbonat vom Gewebe aufgenommen und in Knochen, Muschelschale oder anderes umgewandelt wird, um so eine Struktur auszubilden. [...] Bei meiner Arbeit geht es mir nicht um eine Nachahmung der Natur oder Evolution, im Mittelpunkt stand vielmehr schon immer das enge Festhalten an den Grundlagen der Strukturfindung.”*

Cragg, der sich selbst als „radikalen Materialisten“ bezeichnet, interessiert sich als Bildhauer dafür, wie „uns Material berührt“. Einem Forscher gleich sucht er die Eigenschaften unterschiedlicher Materialien auszuloten und ihre sinnliche und emotionale Wirkung zu ergründen. Dabei ist ihm das Schauen eine weit umfänglichere Methode als der haptische Kontakt, dringt doch der Blick, gepaart mit der Vorstellungskraft, tiefer als dies einer einfachen Berührung möglich ist. Die dem Blick und der Berührung gemeinhin eine Grenze bietende Oberfläche einer Skulptur stellte für Cragg daher immer wieder eine Herausforderung dar. Seine Methode, sie visuell, aber auch konzeptionell zu überwinden, besteht in der Reihe der Forminifera aus zahllosen Löchern, mit denen er zuvor bereits Arbeiten aus Porzellan und Stein versehen hatte und die er später auch bei Arbeiten aus Bronze verwenden sollte. Sie erlauben, real und imaginativ, einen Einblick ins Innere der Skulptur und verändern und erweitern damit das Empfindungs- und Emotionsspektrum einer Arbeit.

Im Gegensatz zur formalen Komplexität späterer Arbeiten sind die einzelnen Elemente in Forminifera von einer elementaren geometrischen Schlichtheit, die Assoziationen von Gebrauchsgegenständen erlaubt. Craggs eigene Laborerfahrungen ließen ihn in seiner künstlerischen Arbeit oft auf industrielle Gefäßformen aus dem Bereich der Chemie sowie auf solche der Alchemie zurückgreifen, wie z.B. in der zentralen Werkfamilie der Early Forms. Auch in Forminifera könnte man entfernt Mörser, Schale und Destillierhelm wiedererkennen. So ähnelt, obwohl für Cragg nach eigenen Worten „das Material alles ist“, eine Begegnung mit einem Kunstwerk letztendlich dem unbegreifbaren Mysterium der Prozesse im Labor eines Alchemisten.

* Zit. nach Jon Wood, „Das innere Spiel. Zu Titeln und Titelgebung bei Tony Craggs Plastiken“, in: Walter Smerling (Hg.), Anthony Cragg: Dinge im Kopf / Things on the Mind, Wienand, Köln 2011, 60.

Forminifera Garden Tools

Tony Cragg
Forminifera Garden Tools, 1999
Pflanzholz und kunststoff & metall Gabel
Sammlung Mudam Luxembourg
Schenkung 2004 - der Künstler
© Foto: Rémi Villaggi

.art

Dining Motions an Forminifera vum Kënschtler Tony Cragg an der Emissioun .art op RTL.

Jeune Médiateur

Dining Motions vum Tony Cragg erkläert vun engem “Jeune Médiateur”.

Mech géif mol interesséieren

Explikatiounen iwwer dem Tony Cragg séng Wierker aus der Mudam Sammlung an der Emissioun Mech géif mol interesséieren, wat dat hei ass? um Radio 100,7.

 

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