VON UNSEREN TERRITORIEN
„... besagtem Wilden” – so lauteten Sigmunds Instruktionen – „das zivilisierte Leben von allen Seiten zu zeigen...” (1)
...und die Somatabletten lagen stets in Reichweite. Hier blieb sie; und doch war sie nicht da, sondern die ganze Zeit weg, unendlich weit weg, auf Urlaub in einer anderen Welt...(2)
Fröhlich überschreitet die Kunst alle Grenzen. Sie gefällt sich darin, Wirklichkeit und Utopie, Wahrheit und Fiktion zu vermischen, ohne Recht haben zu wollen. Es gibt in ihrer Welt unzählige Rivalitäten, und doch wurde nie ein Krieg um die Kunst geführt, wahrscheinlich weil niemand ihre Fahne tragen und dabei in nur eine Richtung gehen kann: gäbe es diese Fahne, so würde sie in alle Richtungen gleichzeitig flattern.
Dennoch herrscht kein Mangel an Schlachtfeldern, und seien diese von Insektenpanzern übersäht (Jan Fabre). Der Bereich des vielfältig möglichen kann von hängenden, beweglichen und nur bei Schwarzlicht sichtbaren Grenzen umgeben sein (Claude Lévêque). Landschaft, einmal gewissenhaft durchschritten, reduziert sich auf geometrische Formen (Richard Long), während die Geschichte zweier ideologisch befreundeter Länder dargestellt wird durch die Überhandnahme des Dschungels im einen und der Bürokratie im anderen (Sven Johne).

Collection Mudam Luxembourg, © Photo : Andrés Lejona
Aber es gibt auch den kritischen Blick, der nicht ohne Humor und Mitgefühl die wirkliche Welt untersucht: wie sollte man nicht schmunzeln, wenn die ewigen Diskussionen über Harmonisierung und politische Integration versinnbildlicht werden durch ein Puzzle in Landkartenform, dessen Grenzen mit einer Nagelfeile anzupassen sind(Alexandra Croitoru)? Oder wenn die Schaufenster unserer Geschäfte wie Altäre für die unzerstörbaren Götter des globalisierten Konsums aussehen (Valérie Belin)? Oder was ist von der Sprachverwirrung in diesem arglosen Dschungel bei Walt Disney zu halten, den sich ein Künstler aus unserem globalisierten Zeitalter vorgenommen hat (Pierre Bismuth)? Und was ist schließlich mit den immer gleichen häuslichen Interieurs anzufangen, die so normal daherkommen und deren Banalität von plötzlich aufbrechenden Liebesschwüren verdrängt wird (Sylvie Blocher)?
Und schließlich gibt es diejenigen, die aus zusammenhanglosen Bestandteilen städtischer und industrieller Dschungel ihre eigenen Territorien konstruieren (Pedro Cabrita Reis), ces gibt diejenigen, die ihr eigenes Paradies in einer virtuellen Welt erschaffen (Haluk Akakçe), und diejenigen, die die Welt aus ihrer eigenen Umlaufbahn beobachten und so den aufdringlichen Blick von Google Earth parodieren (Miguel Palma)?
Andere verbinden über Zeit und Raum entfernte Kulturen miteinander, wie Su-Mei Tse, in deren Brunnen chinesische Tinte fließt, gerade so, als seien alle im Osten wie im Westen geschriebenen Worte seit der Erfindung der Schrift einzig geformt worden, um an das Plätschern des Wassers in einem barocken Brunnen zu erinnern.
Oder diejenigen schließlich, die uns erzählen, dass die einzige Wahrheit über die Welt, im Guten wie im Schlechten, die ist, die wir in unseren Köpfen selbst produzieren, um politische, religiöse oder poetische Ziele zu verfolgen. Denn warum sollte unsere Erde am Ende nicht doch flach sein wie eine Scheibe (Nedko Solakov)?
(1) & (2) Aldous Huxley, Brave New World, 1932

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